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Die große Illusion

Ach ja, die Jagd! Zwölf-Ender unter den Reizthemen! Über handzahme Wildtiere. Über die eitle Menschengattung der Trophäenjäger. Und über unseren kommoden Lehnstuhl-Naturschutz aus sicherer Entfernung.

Würden Sie einen frisch gewaschenen Kaschmirpullover anziehen, falls dieser zuvor schon einmal von einem Massenmörder getragen worden ist? Wohl nur mit einem mulmigen Gefühl. Paul Rozin von der Universität Pennsylvania hat das untersucht. Die meisten Menschen würden eher einen ungewaschenen Pullover anziehen, der zuvor in Hundekot gelegen ist, als einen frisch gewaschenen, den zuvor ein durch Bluttransfusion HIV-Infizierter getragen hat. Es ist das „Gesetz der Ansteckung“: Wenn ein Objekt mit jemandem in Berührung kommt, steckt es sich gleichsam mit dessen „Essenz“ an. Wir sind dem magischen Glauben stärker verhaftet, als wir wahrhaben wollen.

Solange wir selbst so denken, können wir es da anderen verübeln, dass sie auf diese Weise Gesundheit und Stärke eines Tieres übernehmen und präsentieren wollen? Das ist nicht der einzige, aber wohl ein wichtiger Grund, warum sie jagen: Jäger, deren Jagdlust nicht auf Nahrungsbeschaffung abzielt, die nicht des Fleisches wegen töten, nicht um sich zu verteidigen, nicht um Leben zu erhalten oder zu schützen.

Und das sind in unserer Kultur fast alle, die jagen gehen. Bedeuten sie deshalb das Ende für viele Tierarten? Diese Jäger sind auf Haut und Knochen aus. Wortwörtlich. Zum Beispiel auf Knochen,die dem Hirsch auf dem Kopf wachsen. Das Geweih ist Knochen gewordene Gesundheit, Lebenskraft. Je größer und schwerer, desto besser. Jeden Herbst stellt derHirsch sie zur Schau – den Rivalen und den Weibchen. All das will auch der Jäger als Ausweis herrscherlicher Fähigkeiten zur Schau stellen, sich und anderen, den Rivalen und den Weibchen.

Denn Jagd ist eine Verständigung zwischen Menschen, sie sitzt ganz an der Wurzel unseres Menschseins, in ihrer Intensität ähnlich nur Religion und Sexualität. Jagd bezieht die Tiere, die Ursprünge unseres Seins, als unverzichtbaren Ausgleich zum Menschen mit ein.

Schon römische Kaiser präsentieren die erlegten Tiere in einem Triumphzug. Der habsburgische Thronfolger Franz Ferdinand trumpfte mit der schieren Menge auf: 274.889 Tiere erlegte er im Laufe seines Lebens, vom Adler bis zur Zwergohreule, vom Elefanten bis zur Ratte. Alle Arten, alle Größen. Allein 62.540 davon in seinen letzten vier Lebensjahren, das sind im Schnitt 15.000 eigenhändig erlegte Tiere in einem Jahr. Das menschliche, das männliche Bedürfnis der Selbstdarstellung hat sich im Laufe der Jahrhunderte wenig verändert. Je mehr, je größer, je schwerer, je teurer – desto besser.

16,2 Kilo trug ein bulgarischer Rothirsch auf dem Kopf, als er 1988 erlegt wurde. Weltrekord. Fast hätte sein Erleger diesen Status verloren, als vor zwei Jahren ein anderer Rekordhirsch zur Strecke gebracht wurde. Ebenfalls in Bulgarien. Nur war der 42-Ender kein gebürtiger Bulgare, deshalb wurde er disqualifiziert, der Weltrekord abgesprochen, die Medaille zurückgegeben – nur die 65.000 Euro wurden dem Jäger nicht rückerstattet.

Die Komödie ging nicht nur durch die Jagdpresse. Um 20.000 Euro hatten findige Bulgaren einem österreichischen Wildzüchter den handzahmen Hirsch abgekauft – und in Bulgarien um das Dreifache als Wildtier verkauft. Hand aufs Herz: Hatte irgend jemand Mitleid mit dem betrogenen Freiherrn? Groß war die Schadenfreude. Trophäenjäger rangieren auf unserer Ethikskala ziemlich weit unten.

Solange es sich bei der Trophäensucht um Hirsche handelt, sind wir Nichtjäger der Jagd gegenüber ein wenig milder gestimmt. Immerhin, Hirsche gibt es ja genug, sie sind unsere größte jagdbare Wildart, mit dem höchsten Ausschlachtungsgewicht – und wohl auch deshalb seit Urzeiten Symboltier unserer Jagd.

Hirsche werden ab Anfang Juni bejagt, vor allem weibliches und junges Wild, also jene Tiere mit dem feinsten Fleisch. Dennoch gilt uns allen der Herbst als die Jagdzeit schlechthin, da sind Hirsche und Jäger am auffälligsten, da bieten die Wirte allerorten Wildbret an. Denn seit uralten Zeiten, und in der kollektiven Erinnerung noch immer, füllen die Jäger unsere Vorratskammern mit Wildbret, bevor der Winter einsetzt. Da nehmen wir es ihnen weniger übel, wenn sie eigentlich nur der Knochen wegen jagen.

Doch unser Urteil ändert sich, wenn die Jäger in ihrer Trophäengier Fleischfresser, exotische, seltene oder bedrohte Arten erlegen. Auf wenig Toleranz stößt, wer auf Bären oder Wölfe zielt. Oder auf Löwen. Löwenfleisch wird zwar im Zoo von Bangkok als exotischer Gaumenkitzel angeboten, doch Jäger töten Löwen natürlich ausschließlich der Trophäe wegen. Starke Hirschgeweihe gibt es auf Grund guter Hege viele. Löwentrophäen sind immer noch selten. Wer von uns will nicht gerne etwas Besonders sein oder haben? Wer mit jagdlichen Mittel seinen gesellschaftlichen Rang zeigen will, will Exklusivität markieren.

Exotische, gefährliche, seltene Tierarten sind die Aston Martins, Rolls-Royce und Bugattis unter den Jagdtrophäen. Wem die Begeisterung für Autos oder ähnliche Formen der Selbstdarstellung fehlt, wird dies bei anderen mit unverständigem Kopfschütteln quittieren, nicht aber mit jenem Ausmaß moralischer Entrüstung, das Trophäenjäger hervorrufen. Warum bewerten wir die Jagd heutzutage und in unserem Kulturkreis als ganz besonders unmoralisch?

Es gibt handfeste, rationale Gründe, warum die Trophäenjagd auf seltene Arten unter Naturschützern dermaßen geächtet ist. Trophäenjagd ist nicht nur eine zahlenmäßige Reduktion, sondern eine sehr selektive Jagd – mit entsprechenden Auswirkungen. Sowohl in Afrika als auch in Asien gibt es zunehmend mehr Elefanten, welchen keine Stoßzähne wachsen. Bei den Dickhornschafen in Kanada werden die dicken Gehörne immer dünner und wachsen immer langsamer. Denn was dem menschlichen Jäger als Trophäe gilt, ist für die Weibchen ein Qualitätsmerkmal der genetischen Ausstattung.

Jäger und Weibchen finden dieselben Männchen attraktiv. Wenn jedoch Trophäenjäger den Weibchen immerzu die besten Männchen wegschnappen, müssen die Weibchen mit weniger attraktiven Partnern vorliebnehmen, jenen mit dem schwächerem Geweih, dem dünneren Gehörn, den kürzeren Stoßzähnen. Die Gene für langsameres und schwächeres Trophäenwachstum geben die Männchen an ihre Nachkommen weiter, und so werden im Laufe der Jahre die Trophäen in einer Population zunehmend schwächer.

Bei Dickhornschafen in Kanada verschwinden auf diese Weise die Gene für starkes Gehörnwachstum. Bei Elefanten überleben und pflanzen sich vor allem jene Männchen fort, welchen die genetische Veranlagung für das Wachstum von Stoßzähnen überhaupt fehlt. Jedes Mal, wenn der Jäger eine Spitzentrophäe entnimmt, schadet er damit auch den langfristigen Interessen der Trophäenjäger.

Ein zweiter weitreichender Aspekt der Trophäenjagd: Das plötzliche Fehlen des dominanten Männchens beeinflusst oftmals die gesamte Sozialstruktur – mit gravierenden Folgen. Besonders auffällig ist das bei Löwen, denn der zu frühe Tod eines erwachsenen Männchens reißt auch seine kleinen Jungen aus dem Leben. Löwenmännchen verteidigen einen Harem. Doch nach zwei, drei Jahren ist ihre Zeit meist abgelaufen, jüngere Löwen übernehmen dann das Löwinnenrudel. Sie müssen sich also rasch fortpflanzen.

Doch solange die Weibchen noch die Jungen des Vorgängers säugen, sind sie nicht paarungsbereit. Für die neuen Männchen ist die Tötung aller Junglöwen unter zwei Jahren der logische Weg zum Ziel. Die Löwinnen haben keine Chance, ihre Jungen zu verteidigen. Ohne abhängige Jungtiere werden sie rasch wieder läufig und werfen nach einer Tragzeit von vier Monaten die Jungtiere des neuen Haremsbesitzers. Unter natürlichen Bedingungen können Löwen einen Harem meist zwei bis drei Jahre halten, lange genug, bis die Jungen aus dem kritischen Alter sind. Doch Trophäenjäger erlegen bevorzugt Löwen in ihren besten Jahren, mitten in ihrer kurzen Haremszeit. So kommt es zu einer neuen Übernahme. Man schätzt, dass mit einem erlegten Löwen ungefähr 14 weitere sterben. Das erklärt, warum der Abschuss relativ weniger Tiere so unverhältnismäßig stark zum Bestandsrückgang beiträgt. Eine ähnliche Auswirkung hat oftmals auch der Abschuss von männlichen Bären.

Doch was kümmert das den einzelnen Jäger? Er schießt ja selten mehr als ein Tier einer seltenen oder gefährdeten Art. Das kümmert auch Jagdveranstalter nicht, wenn sie, wie so oft in vielen Ländern Asiens, ein Jagdgebiet nur für eine kurze Weile nutzen, die Jäger einfliegen, das Gebiet leerschießen und dann verlassen. Das ist rascher und hoher Profit für die ausländischen Jagdveranstalter, denn von den 30.000 Dollar, die ein Jäger für die Jagd auf seltene asiatische Bergschafe, etwa das Argali, bezahlt, bleibt fast nichts im Land.

Diese nachweislich negativen Auswirkungen stärken die Argumentation jener, die ein totales Bejagungsverbot für gefährdete Arten fordern. Kenia hat das tatsächlich durchgezogen. Nicht nur für gefährdete Arten, sondern in Bausch und Bogen für alle Tierarten im ganzen Land. Seit 1977 ist in Kenia die Jagd per Gesetz verboten – nicht nur Trophäenjagd, auch Fleischjagd. Das ist wohl die radikalste Maßnahme, die je ein Land zum Wohl seiner Wildtiere gesetzt hat. Zum Wohl der Wildtiere?

In den vergangenen 30 Jahren hat Kenia 60 bis 70 Prozent seines Wildbestandes verloren. Innerhalb der Schutzgebiete ist er um ein Drittel zurückgegangen, außerhalb der Schutzgebiete, wo 70 Prozent aller Wildtiere leben, um mehr als die Hälfte! 1977 lebten in Kenia 170.000 Elefanten, heute 30.000.

Die unmittelbare Ursache für den starken Rückgang des Wildbestandes ist rasch ausgemacht: Wilderei und Lebensraumverlust. Immer mehr Menschen dringen mit ihrem Vieh immer weiter in die Lebensräume der Wildtiere. Warum aber können Menschen, Vieh und Wildtiere nicht zusammen leben? Immerhin leben unsere Rehe und Hirsche ja auch in einem stark genutzten, bewirtschafteten Lebensraum. Aber in Kenia verursachen Wildtiere ausschließlich Kosten. Sie übertragen Krankheiten, sind eine Nahrungskonkurrenz für Haustiere, verursachen Ernteschäden, reißen Vieh. Das kann für einen Kleinbauern der wirtschaftliche Ruin sein. Und dann wollen wir diesem Mann den ideellen Wert eines Löwen, des Sinnbildes von Kraft und Stärke, vermitteln? Wir, die wir nicht einmal Schnecken im Gemüsebeet tolerieren. Das ist reinster Lehnstuhl-Naturschutz aus sicherer europäischer oder amerikanischer Entfernung.

Angesichts der Tatsache, dass in Kenia das totale Bejagungsverbot nicht funktioniert hat, ist es da nicht im Sinne des Artenschutzes, andere Wege zu versuchen? Menschen, die mit Wildtieren einen Lebensraum teilen, müssen einen handfesten, also ökonomischen Anreiz haben, Wildtiere auch außerhalb der geschützten Parks zu erhalten. Die Jagd verleiht den Tieren reellen Wert. Bedenkt man, dass die Jagd in Österreich 475 Millionen Euro jährlich umsetzt, kann man abschätzen, dass sie auch in Kenia eine wirtschaftliche Größe sein könnte.

Doch die ökonomischen Interessen decken sich nur dann mit jenen des Artenschutzes, wenn die Jagd auf langfristige, nachhaltige Nutzung ausgerichtet ist. Dazu muss eine kontrollierte Bejagung die Biologie einer Wildart berücksichtigen. Das bedeutet, dass ein Löwe nicht mitten in seiner Haremszeit erlegt werden darf, sondern frühestens im Alter von sechs Jahren, nachdem er zumindest eine Nachkommengeneration zeugen und aufziehen konnte. Wie alt ein Löwe ist, erkennt man mit einem Blick durchs Fernglas auf – nein, nicht auf die Mähne, sondern auf die Nase. Denn im Alter bekommen Löwen zunehmend Altersflecken auf der Nase, sodass die Nase eines fünfjährigen Löwen bereits zur Hälfte schwarz gefleckt ist.

Modelle zeigen, dass sich nach etwa 30 Jahren die Zahl der Trophäenlöwen und damit der finanzielle Gewinn aus der Trophäenjagd maximieren lassen, wenn nur alte Männchen erlegt werden. So können Löwen ebenso wie andere Wildarten nachhaltig bewirtschaftet werden. Ja, bewirtschaftet, denn langfristiger Artenschutz bedingt die Vereinbarkeit mit ökonomischen Interessen. Jagd ebenso wie die bewusste Entscheidung zur Nichtbejagung ist also eine Kosten-Nutzen-Rechnung, in Afrika oder Asien ebenso wie in unseren heimischen Revieren.

Selbstverständlich sind Jäger und Jagdveranstalter von sich aus nicht motiviert, Natur- oder Artenschutzaufgaben zu übernehmen. Welcher Jäger ist denn schon des ökologischen Gleichgewichts wegen jagdlich unterwegs? Aber spielt das eine Rolle? Für die Art, die ums Überleben kämpft, zählt nicht der Wille, sondern das Werk. Und oftmals ist die Jagd aus Eigennutz in einem Nebeneffekt das, was sie von sich behauptet: aktiver Naturschutz.

Perverse Auswüchse in der Züchtung von Trophäen gelten vielen als Argument gegen die Jagd. Freilich, diese Auswüchse gibt es. Hier wie dort. „Canned hunting“ – Dosenjagd – nennt man es im Englischen treffend. Auch bei uns werden Hirsche gstopft, damit ein Gstopfter sie ausstopfen kann. Die moralische Entrüstung über einen als freilebendes Wildtier verkauften, jedoch im Gatter gezüchteten Hirschen war groß. Betrug! Betrug? Das Geweih war echt. Betrug, weil der Hirsch ganzjährig im Gatter gefüttert worden war?

Machen denn drei Monate einen so großen Unterschied? Viele der Hirsche, die in unseren heimischen Revieren von stolzen Jägern als Freilandhirsche erlegt werden, werden drei Viertel des Jahres gefüttert, innerhalb und außerhalb von Umzäunungen, zum Schutz des Waldes, zum Wohl von Wild und Jäger. Linsentrübung im Zielfernrohr? Was die Jäger empört, ist der Verlust der Illusion, wildes Wild zu erlegen, wildes Wild, das die Trophäe ja erst wertvoll, weil ehrlich macht. Es erfordert neben einer Portion Glück auch körperlichen und geistigen Einsatz, um altes und daher überlebensgeschultes Wild zu erlegen. Eine solche Trophäe ist dann ein ehrlicher Ausweis dieser Fähigkeiten. Aber schwindeln wir nicht alle gern?

Geld ist eine treibende Kraft, in der Naturnutzung wie im Naturschutz. Ein Grund, warum manche Naturschutzorganisationen gegen die nachhaltige Nutzung, die Ökonomisierung der Natur, Sturm laufen, ist auch ihre eigene Ökonomie. Michael Norton-Griffiths, ein Zoologe, der sich auf die wirtschaftlichen Aspekte des Natur- und Artenschutzes spezialisiert hat, wirft diesen Naturschützern vor, nicht am Wohlergehen der Wildtierbestände interessiert zu sein, sondern vor allem daran, Spendengelder aufzutreiben. Warum sonst hielten sie an einem Artenschutzkonzept fest, das im Laufe von 30 Jahren nachweislich zu einem weiteren Niedergang der Arten führt? Spendengelder fließen umso reichlicher, je bedrohter eine Tierart ist. Grund genug für den International Fund for Animal Welfare, mit zwei Millionen Unterstützern und Niederlassungen in 13 Ländern, den kenianischen Präsidenten im Jahr 2004 zu überzeugen, einen Gesetzesentwurf abzulehnen, der den Landnutzern mehr Mitsprache im Wildtiermanagement und eine Lockerung der Jagdverbote ermöglicht hätte.

Viele Jagdgegner argumentieren mit der moralischen Verpflichtung, Tiere um ihrer selbst willen zu erhalten. Das ist ein gültiges Argument. In allen Gesellschaften und zu allen Zeiten gibt es soziale Tabus im Umgang mit natürlichen Ressourcen. In unserer westlichen Welt sind Nationalparks die moderne Form der heiligen Haine. Aber was für abgegrenzte Gebiete gilt, muss und kann nicht generell für ein ganzes Land gelten. Und wie das Beispiel Kenia zeigt, lässt es sich auch nicht verwirklichen.

Da Ethik nicht nur eine Absicht und Einstellung ist, sondern umgesetzt werden soll, muss für Natur- und Artenschützer das, was einer Art nützt, die oberste Maxime des Handelns sein. Und da kommen Jäger und auch Trophäenjäger gar nicht so schlecht weg – auch wenn wir das nicht gerne zur Kenntnis nehmen. Jagd kann eine Win-win-Situation sein. Kann.

Zum Glück vermehren sich Elefanten rasch. So rasch, dass Tierschützer für sie in Kenia Empfängnisverhütung planen. Kein Scherz. Empfängnisverhütung ist bei Wildtieren allerdings schwierig und riskant. Künstliche Geburtenkontrolle ist dann angebracht, wenn die Entfernung von Tieren aus dem Bestand nicht möglich oder unerwünscht ist, wenn die Tiere also weder gefangen noch bejagt werden können und sollen.

Erprobt und halbwegs erfolgreich ist die Empfängnisverhütung in den USA an Wildpferden. Davon waren Tierschutzorganisationen so begeistert, dass 1995 im House of the Lords ein Ansuchen vorlag, die hohen Rotwildbestände Schottlands auf diesem Wege zu reduzieren. Doch Rotwild erfüllt keine der Bedingungen für eine wirksame Empfängnisverhütung. Vielleicht also Elefanten? 30.000 Elefanten leben derzeit in Kenia, sie vermehren sich, und mehr als 50.000 will das Kenian Wildlife Service nicht tolerieren. Empfängnisverhütung als Lösung?

Doch es ist eine der Taschen, in die sich die Jagdgegner lügen. Empfängnisverhütung nimmt den Wildtieren die Würde und das Recht so natürlich wie möglich zu leben, sich fortzupflanzen und zu sterben, auch wenn der Tod durch Menschenhand kommt. Empfängnisverhütung mag zivilisierter sein als die blutige Jagd. Aber Wildtiere zu zivilisieren ist grausamer als menschliche Jagd.

Jäger sehen die Jagd in rosigem Licht, Jagdgegner in blutrotem. Unsere persönliche Einstellung zur Jagd ist eine stark emotionale. Wer sich aber für Arten- und Naturschutz stark macht, sollte rational argumentieren. Weder die Einstellung der Jagd noch eine gut geregelte Bejagung werden großräumig und langfristig Rückgang oder auch Zunahme von Wildtieren beeinflussen können. Im riesigen Gefüge der Natur pfuschen und stümpern wir nur alle ein wenig herum und beruhigen unser Gewissen.

Was aber nottut, ist nicht, unsere Position zu halten, sondern die Vor- und Nachteile unserer Entscheidungen und Handlungen für die betroffenen Tierarten zumindest kleinräumig und kurzfristig abzuwägen. Denn in den Tieren liegen die Ursprünge unseres Menschsein, in den Tieren sind unsere Mythen angelegt. Und: „Nur angesichts ihrer Gestalten und Stimmen können wir Mensch bleiben“.

Wir, die Tier-WeGe, nehmen nicht die gleiche Position mit diesem Essay ein. Aber wir wollen auch andere kritische Stimmen, die eben nicht immer konform mit unserer Meinung gehen, zu Wort kommen lassen ...

Quelle: "Die Presse" - 09.11.2007

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